Die Gegner umkreisen sich weiterhin, wie in einem Ritual. Mira grabscht sich alle Schlüssel,
deren sie habhaft werden kann, und eilt zuerst zu Felix, wo sie einen Schlüssel nach dem
anderen ausprobiert. „Mira, ich liebe dich!“, flüstert Felix, und das flösst ihr Mut ein. Einer
der Schlüssel passt – und mit einem „Kling!“ ist Felix frei.
Ängstlich späht Mira über ihre Schulter, ob Marcella etwas mitgekriegt hat, aber sie wird
weiterhin von Beat in Schach gehalten. Mira ist sich jedoch nicht sicher, ob sie Beat über den
Weg trauen kann: Auch er wirkt seltsam verändert, ist nicht sich selbst. Ist auch er
Virusträger?
Mira und Felix teilen sich die Schlüssel auf und versuchen, André und Richi loszuketten.
Natürlich haben sie genau die falschen Schlüssel erwischt und müssen ihre Plätze tauschen,
bevor sie zur Befreiungsaktion schreiten können. André ist schon frei, Richi beinahe – da
zischt etwas durch die Luft und landet scheppernd wenige Zentimeter neben Richis Gesicht
an der Wand. Marcellas Morgenstern!
Fassungslos blicken alle in ihre Richtung, und dort kämpfen nicht etwa Marcella und Beat
gegeneinander, vielmehr fixieren beide Mira und die Männer mit diabolischem Grinsen. „Har
har har, sie glauben, sie könnten entkommen! Ist das nicht witzig?“, röhrt Beat und wirft
seinerseits ein Geschoss in Richtung des letzten Gefangenen. Aber er hat nicht mit André und
Felix gerechnet, welche nach einer Waffe greifen und zum Angriff übergehen, damit Mira die
Befreiung zu Ende führen kann.
Nun bricht ein erbitterter Kampf los, und dabei zeigt sich, dass Marcella und Beat vom Bösen
beseelt sind. Diese Tatsache wirkt sich stärker aus als ihre gegenseitige Abneigung. Mira und
Richi greifen sich die nächste Waffe, derer sie habhaft werden können, und kämpfen Seite an
Seite, bestrebt, die beiden Kampfmaschinen zu entwaffnen, ohne sie zu verletzen. Das
gestaltet sich als schwieriges Unterfangen, weil beide äusserst gefährlich bewaffnet sind –
allein Marcellas eiserne Fingernägel sind eine tödliche Waffe! Da nützt es nichts, dass sie vier
gegen zwei sind. Mira ist ratlos; sie kann und will ihre Freunde Beat oder Marcella doch nicht
verletzen!
Genau darauf hatten die Fieslinge vermutlich spekuliert: dass Mira und Co. mit ihren eigenen
Gefährten konfrontiert würden und es nicht wagen, gegen sie anzutreten. So hätten die
Verhexten leichtes Spiel mit ihnen, und am Ende wären alle in der Gewalt der Finsterlinge.
Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirt, pardon, den Drachen gemacht: Wie ein
Donnerhall dröhnt ein Gebrüll durch die Grotte, ohrenbetäubend, markerschütternd. Mira
spürt gleich, dass dies ihre Rettung ist: Anita bläst zum Angriff! Der Drache taucht genau im
richtigen Augenblick auf, als hätte ihn Mira mittels Geisteskraft herbeigerufen. Und vielleicht
hat sie das ja auch, unbewusst!
„Anita, du bist wunderbar!“, schreit Mira voller Begeisterung, als der Drache über die Köpfe
der Verhexten fegt. Im Luftwirbel werden ihre Waffen fortgerissen. Verdutzt blicken die
beiden auf ihre leeren Hände. Sogar Marcellas Stahlnagelkappen sind im Sog davongeflogen.
Im nächsten Augenblick kehrt der Drache zurück und wirft ein Tuch über die Köpfe von
Marcella und Beat. Blitzschnell fesseln die Gefährten die Überwältigten mit Ketten und
Schnur – mit allen Dingen, deren sie gerade habhaft werden können –, und schliesslich ist die
Gefahr gebannt. Der Drache Anita landet hochzufrieden neben den Gefangenen: „Na? Wie
war ich?“
„Fantastisch, Anita, du bist grossartig!“, lobt sie Felix. – „Ohne dich hätten wir das nie
geschafft, danke!“, jubelt Mira. „Wie könnten wir mit Waffen gegen unsre Freunde
kämpfen?“ – „Am besten, ihr sperrt sie ein, bis wir ein Gegenmittel gegen ihren Irrsinn
gefunden haben“, schlägt der Drache vor. – „Ja, da hinten ist so eine Art Käfig“, bemerkt
Richi. „Obwohls mir ja leid tut, die gute Marcia einzusperren... wow, sowas von Energie und