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Ernst Meisters nachgelassene Gedichte
Über seine westfälische Heimat hinaus wurde der Dichter Ernst Meister erst spät bekannt. 1911 in Hagen-Haspe geboren, 1979 daselbst gestorben, blieb der Industriellensohn, der zunächst Theologie, dann Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert hatte, im Krieg Soldat war und über 20 Jahre als Angestellter in der Fabrik seines Vaters arbeitete, ein Aussenseiter der Literatur. Den Petrarca- und den Rilkepreis erhielt Meister erst in seinen letzten Lebensjahren, den Büchnerpreis gar postum. Beda Allemann, Nicolas Born und andere setzten sich für ihn ein – doch bald wurde es wieder still um sein Werk. 1985 indes begannen im Aachener Rimbaud-Verlag «Sämtliche Gedichte» zu erscheinen; auf 14 meist schmale Bände, die einerseits den zwischen 1932 und 1979 erschienenen Einzelausgaben entsprechen, andererseits in den Bänden 8 und 14 auch die nur verstreut veröffentlichten Gedichte sammeln, folgen nun in stattlichem Umfang «Gedichte aus dem Nachlass». Damit liegt die Edition vollständig vor – nicht aber das Werk, wie noch zu erläutern sein wird. Die 15 Bände machen auf gut 1600 Seiten den Weg eines ernsthaften und beharrlichen Poeten überschaubar: einen Weg, der immer weiter in die Verallgemeinerung und Verknappung führte, ins Hermetische und Enigmatische.
Ernst Meister hat sein Leben lang rege publiziert: in eigenen Büchern und Sammelbänden, Zeitschriften und Zeitungen. Was er der Schublade und nur ihr anvertraut hat, ist daher – wenig überraschend – keine Offenbarung: Der Nachlassband enthält Entworfenes und Verworfenes, Seitenstücke, halb und halb Gelungenes. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass er das enthält, was Meister auf dem Weg ins kaum noch aussprechliche Wesentliche als Schlacke, Ballast, Irrtum hinter sich liess. Nicht nur in den frühen Gedichten («Es atmet eine Hure an den Mond, / Es weht der Mond durch eine Uhr») ist das deutlich zu sehen. Verse wie «So ist's mit allen Insulanerinnen dort, / ein Mann gewinnt sie nicht, und dennoch / welkten sie, wenn sie die Wollust nicht genössen» schreibt Meister noch in den fünfziger Jahren. Ergüsse wie jener vom Reim, der «schluchzt . . . über einem Rinnsal / von Müttermilch, / aus dem bettelnde Kinder / trinken» gehören zum Kunstgewerbe der Saison.
Interessanter als diese Kuriosa sind Gedichte, in denen die üppige Metaphorik verfremdet wird, bevor sie allmählich ganz verschwindet. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre setzt der Prozess der Verdichtung ein. Hier fallen besonders die Gedichte auf, die Bruchstellen oder Haarrisse aufweisen, in denen prätentiöse Wendungen wie «ein Rasendes» oder «Sieht Traum nicht wahr», Leerformeln wie «unsäglich» noch das letzte Kleingeld Rilkescher Prägung in Umlauf bringen, während sich im übrigen schon der lakonische, metallische Ton bemerkbar macht, der nichts persönlich Fassbares mehr mitteilt. Ernst Meisters Spätwerk ist eine einzige hartgefügte Klage über den Widersinn des sterblichen Lebens, ein unverwandtes Ausharren im Angesicht des Absurden. Es äussert sich im «Spiegelscherbenklang», den der Dichter vernimmt, als die Sirenen ans Ufer stürzen, oder in den folgenden, um 1970 entstandenen Zeilen:
Weltliches, das wir
lieben, welches
du liebst, war
mächtig genug.
Darum hast du uns
zu Fremdlingen gemacht
der Liebe. Das ist
noch im Tod
die Wunde.
Ausser dem vermutlich 1957 entstandenen Zyklus «Der Gang», der 1992 bereits einmal publiziert worden ist, enthalten die «Gedichte aus dem Nachlass» keine geschlossene Werkgruppe. Das könnte allerdings anders sein. Der Band umfasst nämlich keineswegs, wie der Titel der ganzen Ausgabe behauptet, sämtliche Gedichte Ernst Meisters. Vielmehr schliesst auch er die Lücke nicht, die im bisher publizierten Werk zwischen 1933 und 1949 klafft. Gerade in jenen Jahren aber hat Ernst Meister, wie Reinhard Kiefer in seinem Nachwort getreulich berichtet, ausserordentlich viele Gedichte geschrieben, und 1946/47 hat er einen beträchtlichen Teil dieser Texte in sechs Privatdrucken unter dem Titel «Gehn und Sehn in der Mütter Geheiss. Mitteilungen für Freunde» herausgebracht. Später mag er sie verworfen haben; die Begründung aber, die Kiefer im vorliegenden Band für den Entscheid anführt, diese Texte auch im Rahmen einer Gesamtausgabe nicht abzudrucken, ist mehr als kurios. «Meister variiert», schreibt er, «das bei Goethe und Hölderlin Gelesene nur unwesentlich und reduziert es in seinen Gedichten zum blossen Stil- und Sprachrequisit.»
Nun mag man sich erinnern, dass deutsche Dichter zwischen 1933 und 1945 Texte verfasst haben, an denen die Nähe zu Goethe und Hölderlin nicht das Schlimmste war, und sich fragen, ob Meisters Gedichte, die nach seinem eigenen Bekunden «am Wege des Soldaten» entstanden, unterdrückt werden, weil sie ihn kompromittieren könnten. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass der Herausgeber die Gedichte nicht bringt, weil sich in ihnen angeblich kein «effektiver poetischer Gestaltungswille ablesen lässt». Das aber ist eine editorische Bevormundung und Besserwisserei, die in einer modernen Gesamtausgabe nichts zu suchen hat. Es handelt sich bei den weggelassenen Gedichten ja notabene nicht um Juvenilia. Der Herausgeber müsste wissen, dass bei einem Autor von Rang auch das – ja ohnehin nur nach seinem höchstpersönlichen Dafürhalten – «Misslungene» interessiert, weil es erhellend aufs Ganze wirkt, Entwicklungen und Querverbindungen zeigt.
Ohnehin macht der Anhang des Nachlassbandes den Eindruck eines Eiertanzes. Zusammengestellt und datiert worden sind die Texte – offenbar noch in Zusammenarbeit mit Ernst Meister – von Irena Demtröder-Kutschera; erklärt wird ihre Auswahl jedoch, und gewunden genug, von Reinhard Kiefer. Man wird den Eindruck nicht los, dass hier Rücksichten genommen werden mussten; die Geschichte aber lehrt, dass Leisetreterei der Editionsarbeit noch immer geschadet hat.
Manfred Papst
Perlentaucher.de
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.04.2000
Harald Hartung schickt ein großes Lob an der Verlag, der sich dieses Nachlasses – wenn auch nicht vollständig – angenommen hat. Denn Hartung hält Meister für einen Lyriker, dem er nicht nur Anerkennung, sondern vor allem viele Leser wünscht. Zwar findet es der Rezensent bedauerlich, dass Meisters Arbeiten aus der Zeit von 1933 bis 1949 nicht berücksichtigt wurden (Hartung übernimmt es selbst, auf einige dieser Gedichte hinzuweisen), dennoch ist er der Ansicht, dass man in diesem Band so manche "überraschende Funde, großartige anthologiereife Stücke" finden könne. Darüber hinaus zeichnet der Rezensent die Entwicklung Meisters in kurzer Form nach, in dem er Beispiele von seinen "expressiv-surrealen Zeiten" bis hin zu Gedichten, die "den Charakter von metaphysischen Formeln" enthalten, erläutert.
288 S. HC |
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