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In dieser provozierenden und zugleich aufmunternden Art ist noch kaum über das Kochen und das Essen geschrieben worden, ob zu Hause oder auf Reisen. Allen telegenen Kochparanoien und globalen Vermischungen zum Trotz wagt der Sozialwissenschaftler und Philosoph Klaus Kufeld den Schritt, dem Denken dessen, was man ißt, der Seele dessen, was unsere Eßlust ausmacht, und schließlich dem Eros, der auf das gesellige Ritual abhebt, auf den Grund zu gehen. Wie schon in seinem ersten Buch bei der Edition Splitter (Die Erfindung des Reisens. Versuch gegen das Missverstehen des Fremden, Wien 2005) geht Kufeld ein „Allerweltsthema“ in gewohnter Non-Chalance und mit Feinsinn für das Detail an. Die Modetrends von Crossover-Küche und ideologisierter Bio-Romantik werden gegen den Strich gebürstet und sozusagen „entzaubert“ derart, daß er den authentischen Charme des Lokalen aus der Vielfalt der Kulturen herausarbeitet. Was mitunter kulturphilosophisch anmutet, wird in dem reichhaltigen Themen-Menü durchaus als „leichte Kost“ serviert und in Anekdoten, Alltagsgeschichten und Gespräche verpackt: über gelungenes Kochen, über Geselligkeit, über Essen mit Kindern, über Essen und Liebe, über das Ankommen des guten Essens in glücklichen Seelen. Der Autor, selber leidenschaftlicher Koch und Esser, beugt dabei geschickt einer Sicht vor, als Kochprofi zu gelten, der er nicht ist und auch nicht sein will, z.B. indem er zu einem Freund sagt:
„Ich muß doch kein Olympiasieger sein, wenn ich gute Sportreportagen schreibe.“
Trotzdem oder gerade deswegen sollte der „kulinarische Eros“ auch die Profiwelt des Kochens auf den Plan rufen und manchen Fernsehkonsumenten zum Nachdenken bewegen. Denn Sätze wie diese gehen medias in res oder bringen einen zum Schmunzeln:
„Als meine Tante auf dem Bauernhof die Erdäpfel für die Stallschweine bereitete, konnte ich anfangs nicht unterscheiden, ob das nun das Fressen für die Schweine oder das Essen für uns sein sollte.“
„Den Unterschied zwischen Petersilie und Koriander muß der ‚Zuschauerkoch’ irgendwann doch ausprobieren, sonst bleibt er eine Behauptung im Fernsehen.“
„Am Anfang des italienischen Kochens steht der Holzkochlöffel. Er ist das organische Medium zwischen den italienischen Pasta und meiner Hand. Nach Hunderten von gekochten Nudeln spüre ich das kommende al dente schon im Widerstand der Nudeln gegen die Rührbewegung in den Fingern.“
So ganz nebenbei werden die Entdeckungen des „kulinarischen Eros“ ein Reisebuch, mit Beispielen aus Italien, Deutschland und Österreich, aus Kolumbien, von den Seychellen, aus Indien, China oder von anderswo. Gerade in der achtsamen Wahrnehmung der Vielfalt des Kochens und der Eßsitten unserer Welt lernen wir das uns alle Verbindende (z.B. Brot, Suppe, Kaffee) vom wirklich Anderen (z.B. Chili, Früchte, das chinesische Eßritual) zu unterscheiden, um schließlich das wahre Eigene im Lokalen wieder zu schätzen und zu kultivieren. Die Kunst von Kufelds kulinarisch-„erotischer“ Entdeckungsreise liegt schließlich darin, daß er den Wert des Einfachen, seien es Spaghetti oder Kaiserschmarrn, etwa nicht mindert, sondern gar exklusiv herausarbeitet.
Nicht zuletzt vergißt der Autor bei aller Luxuriosität des Kochens und des Essens die Armen auf unserer Erde nicht, exemplarisch anhand einer Geschichte über Straßenkinder in Phnom Penh:
„Während die einen Michelin-Sterne zählen, zählen die anderen ihre Reiskörner.“
Auch das gehört zum kulinarischen „Denken“ dessen, was und wie man kocht und ißt, ohne daß einem der Appetit dabei vergeht, ganz nach dem Motto Ernst Blochs: „Feine Zungen und feiner Kopf gehen oft gut zusammen.“ Das Besondere am „kulinarischen Eros“ ist zweifellos, dass das Buch zugleich Tiefe und Leichtigkeit hat, dass es Lust macht auf Ferne bzw. nostalgisches Erinnern wie auch auf das Zuhausebleiben. Mal reflektiert Kufeld den Stoff im freien Anklang an Platons Gastmahl, mal erzählt er sprachlich elegant einfach lebenslustige Geschichten, die so richtig Appetit aufkommen lassen. Mehr als nur in Fußnoten runden zehn (z.T. eigene) Rezepte aus verschiedenen Kontinenten das Buch authentisch ab.
Der Wiener und Oldenburger Professor Michael Daxner sinniert in einem eigenwilligen Nachwort gekonnt, provokativ und philosophisch über den Stoff, über den sich, wie über das Kochen und Essen überhaupt, trefflich streiten läßt: Daxner: „Kufeld macht hungrig und er macht Appetit. Ich esse mich sozusagen durch sein Buch, schon beginnt die Umstellung der Speisefolge, was trinke ich dazu am Besten?“
Zum Autor
Klaus Kufeld, Sozialwissenschaftler, aufgewachsen in der Grenzlandschaft zwischen dem niederbayerischen Rottal (Pocking) und dem oberösterreichischen Innviertel (Schärding), ist Leiter des Ernst-Bloch-Zentrums in Ludwigshafen am Rhein, Reiseschriftsteller und Essayist. Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Autor der Bücher Die Erfindung des Reisens. Versuch gegen das Missverstehen des Fremden, Edition Splitter, Wien 2005, und Reisen. Ansichten und Einsichten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, und Die Reise als Utopie. Ethische und politische Aspekte des Reisemotivs, i.E. Er schreibt regelmäßig für die Anthologien der Edition Splitter und publizierte z.B. in der Süddeutschen Zeitung, Welt am Sonntag, Die Rheinpfalz.
Englisch Broschur
ca. 144 S. - 24 x 17 cm |
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