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 29.50CHF  Harry Schneider, Picchio Rosso -Teil 1
[Artikelnummer: 9783908760090]
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Das geschichtsträchtige Hotel auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona, ein Bankier und Kunstsammler aus Berlin, die gnadenlose Gestapo – und mitten drin Filippo Negri, ein tessiner Arbeitersohn, der zu Beginn des 2. Weltkriegs zum Doppelagenten wider Willen wird.

-> mehr über den Autor unter www.westiebooks.ch

Leserschaft: Jugendliche ab 12 Jahren, Erwachsene

Picchio Rosso – Teil 1

Der Tag auf See verlief zunächst ohne nennenswerte Ereignisse. Die Ile de France, das

Flagschiff der französischen Kreuzfahrtsflotte, zog das Kielwasser schnurgerade hinter sich.

Filippo begnügte sich damit, den Tag lesend zu verbringen und zwischendurch die Menschen

zu beobachten. Zu diesem Zweck platzierte er seinen Liegestuhl auf dem Promenadendeck in

einer dafür geeigneten und mehr oder weniger windgeschützten Position. Er wickelte sich in

Wolldecken ein. Aus der Schiffsbibliothek hatte er sich zuvor ein Buch geholt. Es stand zwar

keine grosse Auswahl zur Verfügung, denn die meisten Bücher waren auf Französisch oder

Englisch geschrieben, dennoch entdeckte er eine deutsche Übersetzung über den Bau des

Panamakanals.

Interessiert blätterte Filippo im Buch und schaute sich die zahlreichen Bilder und

Zeichnungen an. Besonders faszinierten ihn die technischen Details der Schleusen, welche die

Schiffe über mehrere Stufen hoch – sage und schreibe 85 Meter vom Meer zum Gatunsee – zu

heben vermochten.

Zu den Essenszeiten liess er sich von der exquisiten Bordküche verwöhnen. So plätscherten

die Stunden dahin.

Mehr Bewegung kam allerdings nach dem Dîner in die Sache. Nach dem Essen suchte Filippo

die Toiletten auf. Danach begab er sich gut gelaunt auf den Weg zu seiner Kabine. Dort

angekommen, stellte er erstaunt fest, dass die Tür nur angelehnt war. Er war sich jedoch

sicher, diese vor dem Essen abgeschlossen zu haben. Seine fröhliche Laune war wie

weggeputzt. Zaghaft stiess er die Tür auf und spähte misstrauisch in den Raum. Zunächst

konnte er nichts Auffälliges erkennen, sah aber bald, dass zwischen dem Schrank und dem

Bett am Boden überall Kleidungstücke herumlagen und die Schranktüre offen stand! Filippo

wusste nun sofort, was die Eindringlinge gesucht hatten: Den Koffer mit den Fayencen, denn

dort, wo er den Koffer hingestellt hatte, klaffte gähnende Leere.

«Verdammt – was tu ich jetzt? Die bringen mich um!», war Filippos erster Gedanke.

Nach einer kurzen Überlegung eilte er in die Halle an die Rezeption. Dort wollte er sich nach

der Kabine von Justus von Richtfeld erkundigen. Sie hatten zwar vereinbart, die wahre

Identität von Justus von Richtfeld zu wahren. Doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht

mehr nehmen. Der Koffer musste unter allen Umständen wieder her.

Der beflissene Rezeptionist nannte ihm die Kabinennummer, und schon eilte Filippo davon.

Als er in den Gang einbog, wo sich die Kabine seines Verbündeten befand, versperrte ihm

plötzlich ein stämmiger Mann den Weg. In der Hand trug er einen Koffer – seinen Koffer!

Filippo erschrak dermassen, dass er wie zur Salzsäule erstarrt stehen blieb. Ungläubig und

überrascht starrte er den Mann an und dann wieder den Koffer. Er realisierte aber sofort:

Gegen diese menschliche Mauer hatte er nicht die geringste Chance. Der Mann war ihm vom

Körperbau her um einiges überlegen.

Blitzschnell schätzte Filippo die Situation ein und erkannte, dass sich die Kabine von Justus

von Richtfeld nur wenige Meter hinter dem Fremden befinden musste.

Filippo versuchte unter einem fadenscheinigen Grund an seinem Gegenüber vorbei zu

kommen und steuerte auf ihn zu. «Guten Abend», begrüsste Filippo den Mann mit einem

möglichst höflichen Unterton.

Der Fremde liess ihn ohne weiteres vorbei und erwiderte sogar den Gruss. Aber kaum war

Filippo ein paar Schritte weitergegangen, versperrte ihm eine andere Person den Weg. Wie

aus dem Nichts stand Filippo nun dem Hakennasigen gegenüber, der ihn mit hämischem

Gesichtsausdruck anlachte.

Jetzt erst realisierte Filippo, weshalb ihn der Kofferträger hatte vorbeigehen lassen. Er war in

eine gut vorbereitete Falle getappt.

Für einen Augenblick standen sich Filippo und der Hakennasige reglos gegenüber. Filippo

getraute sich nicht umzuschauen, vermutete jedoch, hinter ihm schnitt ihm der Kofferträger

jeden Fluchtweg ab. Entweder war jetzt Gewalt angesagt oder eine List, schoss es ihm durch

den Kopf. In letzter Verzweiflung schätzte er seine Chancen ein, wenigstens einen der beiden

zu überwältigen.

Er nahm den Hakennasigen ins Visier, der ihm körperlich eher unterlegen schien. Filippo

nahm Mass, rannte los und rammte diesen sein linkes Knie heftig in den Unterleib, so dass

der Angegriffene wie ein Klappmesser zusammensackte und zur Seite fiel. Der Weg war nun

frei, Filippo spurtete los und hoffte, der andere Mann wäre wegen seiner Körpermasse zu

träge, um ihm folgen zu können.

Filippo rannte um sein Leben. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm, dass er schneller war. Der

Abstand dazwischen wurde grösser.

Bald erreichte er das Treppenhaus, welches zur Halle führte. Er hoffte, dass sich dort auch

jetzt Personen aufhalten würden. So wäre er wenigstens für einen Augenblick sicher.

Aber weit gefehlt. Ein weiterer Verfolger stand bereits oben auf der Galerie und schaute nach

unten, wo er ihn entdeckte.

Filippo beschloss, auf das Promenadendeck zu flüchten. Hier gab es genug Verstecke, wo er

warten wollte, bis sich die grösste Aufregung gelegt hatte.

Kaum hatte er die Tür geöffnet, welche nach draussen führte, stand ihm schon wieder der

Hakennasige gegenüber. Keine zehn Meter lagen zwischen ihm und seinem Widersacher. Das

hämische Grinsen von vorhin war ihm allerdings aus dem Gesicht gewichen. Blanker Zorn

sprühte aus seinen Augen.

Filippo wollte eben zum Sprung über die Reling ansetzen, um auf das darunter liegende Deck

zu gelangen, da bemerkte er eine verdächtige Bewegung seines Gegenübers. Blitzschnell griff

der Hakennasige unter sein Jackett und zog eine Faustfeuerwaffe hervor.

Was sich jetzt ereignete, daran konnte sich Filippo später nicht mehr genau erinnern. Er

wusste zwar noch, dass er instinktiv auf Distanz zu seinem Gegenüber geblieben war. Auch

prägte es sich noch in sein Hirn ein, wie der Fremde die Körperhaltung drohend veränderte

und einige Schritte auf ihn zukam, und kaum einen Herzschlag später realisierte Filippo – wie

durch einen Nebel hindurch – wie der Hakennasige, die Waffe mit beiden Händen haltend,

sich breitbeinig vor ihm aufbaute und genau auf ihn zielte. Mit der rechten Hand lud er dann

die Waffe durch; er hörte noch das metallische Klicken, welches ihm verriet, dass die tödliche

Patrone sich nun im Lauf befand.

Willkürlich stoppte Filippo in seinen Bewegungen und wollte blitzschnell zur Seite hechten.

Doch vorher bemerkte er ein kleines blaues Wölkchen am Laufende der Waffe. Ein

aufpeitschender Knall drang noch an seine Ohren. Der Schlag gegen seinen Körper war

dumpf.

Was dann folgte, war Stille. Nur der Fahrtwind säuselte das Promenadendeck entlang. Filippo

fiel auf die Planken und blieb reglos liegen. Der Hakennasige rollte ihn mit den Füssen zur

Seite. Offenbar war er mit seiner Tat zufrieden, liess sein Opfer liegen und verliess das

Promenadendeck durch die nächste Tür.

Harry Schneider

Picchio Rosso – Teil 1

ISBN 978-3-907860-09-0, 288 Seiten

www.sistabooks.ch

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