Im tiefen Wald erreichen nur wenige Sonnenstrahlen den Boden. Die Blätter der Bäume
bilden ein dunkles Dach. Die Bäume rauschen im Wind. Vielleicht sprechen sie miteinander.
Vielleicht erzählen sie einander die Geschichte vom kleinen Rehbock Remo.
Remo war kleiner als die anderen Rehböcke. Schon als kleines Rehkitz war er schwächlich
gewesen. Die anderen Rehkitze waren immer schneller und kräftiger gewesen als er. Jeden
Tag hatte er sich sehnsüchtig gewünscht, wenigstens ein Mal beim Spielen zu gewinnen.
Doch er verlor immer und bekam jeweils einen Wutanfall. So kam es, dass bald niemand
mehr mit ihm spielen wollte.
Er war allein und hatte keine Freunde. Da er inzwischen etwas älter geworden war, trug er auf
seinem Kopf ein kleines Geweih. Andere Rehböcke besassen grössere Geweihe. Remo war
deshalb sehr unglücklich. Und es machte ihn wütend, dass er schon wieder der Schwächste
war.
Eines Tages, auf der Wiese, traf Remo seinen Bruder, der noch ein kleines Kitz war. Remo
schaute ihn böse an und rief: «Geh weg, du Feigling!» Remo senkte seinen Kopf und drohte
ihm mit dem Geweih.
«Aber du bist doch mein grosser Bruder, Remo. Lass uns zusammen durch den Wald gehen»,
bat der kleine Bruder. «Hau ab! Geh zur Mutter!», befahl Remo mit einem aggressiven Blick.
«Mama hat gesagt, ich soll heute mit dir gehen», flüsterte der kleine Bruder ängstlich. Jetzt
wurde es Remo zu bunt – er sprang auf den Bruder los und schlug ihn mit dem Geweih.
Schreiend rannte Remos Bruder weg. Nun fühlte sich Remo besser. Er hatte seinem Bruder
gezeigt, wer der Stärkere war.
Remo wurde von Tag zu Tag brutaler. Er verprügelte alle jungen Rehe, die kleiner und
schwächer waren als er. Aber Remo versteckte sich vor den grossen und starken Rehböcken,
weil er Angst vor ihnen hatte.
Hannu, der weise Waldkauz, sah, wie Remo immer einsamer wurde. Alle Rehe hassten ihn.
Die jungen Rehe hassten ihn, weil er grausam zu ihnen war. Und die älteren Rehe hassten ihn,
weil Remo ein Feigling war und den jungen Rehen wehtat.
Eines Nachts flog Hannu zu Remo und fragte ihn: «Remo, wie geht es dir?» Der Rehbock
ging an Hannu vorbei und sagte nichts. «Remo, warum bist du unglücklich?», fragte Hannu.