In Fao stieg die angesammelte Agression, welche er letzten Sommer zu unterdrücken suchte,
und kampfbereit erwartete er seinen feurigen Bruder Goso, der bereits heranpreschte.
Rivalisierend hielt er in einigem Abstand, musterte Goso, schätzte sich stark genug, und beide
marschierten im Stechschritt nebeneinander her, das Haupt hocherhoben, die Lauscher
zurückgestellt. Jeder zeigte dem andern in deutlicher Drohgebärde die Breitseite, das Fell vor
Erregung leicht gesträubt. Dann senkten die Rivalen und Brüder wie auf Kommando das
Haupt und knallten ihre Geweihe ineinander, wiederholten das Kräftemessen ohne dass in
diesem von beiden diszipliniert eingehaltenen, klar geregelten Rituell der Kräftigere sich
ermittelt hätte. Goso war dem jüngeren Fao keineswegs überlegen, löste sich jedoch von ihm
und suchte seinen Gegner von unten her zu ergreifen. Gosos altkluge Taktik misslang, denn
Fao stiess mangels dargebotener Stirn in die Flanke seines Bruders, worauf Goso Faos Körper
um Haaresbreite verfehlte und, umgewandt, von Faos erneutem Stoss jäh in die Büsche
befördert wurde. Mühsam hielt Goso stand, er hatte den Schlag eben noch pariert, beide
keuchten hörbar. Fao stiess weiter vor und drängte Goso unweigerlich rückwärts, die Geweihe
verhakt. Plötzlich wandte sich Goso zur verzweifelten Flucht, nachdem er sich von Fao
gelöst hatte. Dieser folgte ihm in wildem Sprung nach, dass biegsame Äste zur Seite
geschlagen wurden. Ermattet liess Fao bald von Goso ab, zog seitlich weg, mit steifen
Läufen, das Haupt hocherhoben, die Lauscher zurückgestellt und rieb in vollendetem
Verhalten des Siegers Geweih und Haupt im Strauchwerk, hielt bald inne und scharrte mit
den Vorderläufen den Waldboden dermassen auf, dass ganze Erdballen wegspickten. Dann
griff er spielerisch den Strauch an seiner Seite an und markierte mit den Stirndrüsen sein
Revier. Der junge Fao hatte seine erste grosse Auseinandersetzung gewonnen und sich nun
als ernst zu nehmender Rivale für andere Rehböcke in seinem Revier bestätigt.
Carole Enz