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Thomas Peter / Donato Sperduto, Schatten über der Leuchtenstadt - Ein Roman aus Luzern
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 29.50CHF  Carole Enz, Michèle Combaz Thyssen, Rabenherz
[Artikelnummer: 973907860007]
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«Eine Bombe bedroht Zürich!», warnt die zwölfjährige Margarethe - aber sie wird nirgends für voll genommen. Plötzlich überbringt ihr eine geheimnisvolle Frau eine Botschaft aus dem Mittelalter. Schlüsselfigur ist ein Rabe.

Leserschaft: Kinder ab 8 Jahren, Jugendliche und Erwachsene

wird vom Verlag direkt ausgeliefert. Lieferbereit in 3 bis 4 Arbeitstagen

Rabenherz

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Wie auf Kommando verstummten alle. Jeder Lehrer

wäre bei diesem Effekt vor Neid erblasst. Vom kleinsten Erstklässler bis zur grössten

Sechstklässlerin hielten alle inne bei dem, was sie gerade taten oder sagten und blickten mit

geweiteten Augen und offenem Mund gespannt in die Richtung, aus der die schwarzen

Gestalten geflogen kamen. Gul liess die weinende Margarethe los und starrte seinerseits nach

oben. Dreizehn an der Zahl, und jede Gestalt war so gross wie ein Bussard. Doch die

keilförmig angeordneten Schwanzfedern verrieten den Kolkraben.

Dreizehn an der Zahl, und sie sanken herab in die Kronen der Pausenplatzbäume. Sie riefen

einander ihr hallendes «Korrk!» zu und landeten auf den hohen Ästen, verteilt auf mehrere

Bäume. Die Schnäbel waren offen, die Hälse dick aufgeplustert. Dreizehn Kolkraben waren

gekommen, und dreizehn durchdringende Augenpaare glotzten gebieterisch auf die jungen

Menschen herab. Ein Rabe stach durch seine Grösse hervor. Er war besser genährt als die

andern und sein Gefieder prangte metallisch schimmernd. Dieser Rabe hockte auch am

tiefsten von allen und blickte am grimmigsten.

Auch Margarethe schaute mit verweinten Augen auf und erkannte durch den Tränenschleier

nur schemenhaft, was sich abspielte, als sie plötzlich von Ariane mutwillig geschubst wurde

und während ihres unbeholfenen und erfolglosen Versuchs, das Gleichgewicht nicht zu

verlieren, Gul auf die Füsse trat. Gul schrie auf, verwarf die Hände und fluchte auf

Margarethe ein, die auf den harten Boden des Pausenplatzes fiel. Als sie versuchte,

aufzustehen, verpasste ihr Gul einen Fusstritt ins linke Schienbein, worauf Margarethe

unsanft auf die rechte Seite fiel und ihr Kopf auf den Asphalt schlug. Vor ihren Augen

verschwammen die Umrisse der Mitschüler, ein Pfeifen drang an ihr Ohr, und ein schwarzer

Schatten verdunkelte ihre Sicht. Gul schrie wie ein Verrückter, stiess seine Kollegen zu

Boden und rannte wie ein Irrer davon, dicht gefolgt von einem tief fliegenden Raben. Es war

der grosse, schöne Vogel, der ihn verfolgte, und Margarethe wusste, dass es Plonk war. Und

Plonk war schneller als Gul, stiess dem Flüchtenden beim Überflug die Krallen von hinten

nach vorne durchs Haar. Blut spritzte auf Guls gelbes T-Shirt und er schrie verzweifelt um

Hilfe.

Nach einer blitzschnellen Kehrtwende griff Plonk erneut an. Gul duckte sich und legte seine

Arme schützend über den Kopf, doch Plonk streifte stattdessen Guls Handrücken. Der sonst

so kräftige und harte Bursche stürzte von plötzlicher Schwäche befallen zu Boden, schrie,

heulte und weinte wie ein kleines Kind. Plonk liess von ihm ab, holte auf der Spielwiese

einen baumnussgrossen Stein, gewann wieder an Höhe und flog in Richtung der

Mädchengruppe, die sich um Ariane geschart hatte. Schreiend stoben sie auseinander, Ariane

zappelte beim Rennen hilflos mit den Armen. Plonk zielte und warf den Stein, der Ariane am

Kopf traf. Wie ein Klappsessel stürzte sie in sich zusammen und blieb stumm liegen.

«Was zum Geier ist hier los?», rief der vom Geschrei auf den Plan gerufene Lehrer Wettstein

und fuchtelte unbeholfen in Richtung von Plonk. Der majestätische Rabe drehte ab und kehrte

zu seinem Beobachtungsast zurück, begleitet von den ungestümen «Korrk!»-Rufen seiner

Rabenfreunde. Margarethe kam erschöpft wieder auf die Füsse und wischte sich die Tränen

aus dem Gesicht. Sie sah, wie sich ein ratloser Alois Wettstein stirnrunzelnd und mit

zusammengepressten Lippen, die dadurch noch schmaler wirkten, um Ariane kümmerte, die

bewusstlos geworden war und nur langsam zu sich kam. Plötzlich fiel sie in ein Gezeter und

verfluchte unter hysterischen Schreianfällen Margarethe. Lehrer Wettstein verstand kein Wort

und blickte die Beschimpfte fragend an, doch sie antwortete nicht auf seine stumme Frage.

Mit einem Satz war Ariane plötzlich wieder auf den Beinen und wollte sich auf Margarethe

stürzen, als ein mark- und beindurchdringendes «Korrk!» ihre Absichten durchkreuzte. Ariane

zog die Hände an die Brust und erstarrte. Der hartmetallisch schimmernde Plonk starrte mit

durchdringenden Rabenaugen vom Baum herab. Seine glattanliegenden Federn zeugten von

grosser Anspannung, und er hielt sich abflug- und angriffsbereit. Doch Ariane warf nur einen

bösen Blick zu Margarethe und rannte ins Schulhaus zurück, wo sich bereits Gul in Sicherheit

gebracht hatte. Als die Tür hinter Ariane ins Schloss gefallen war, ereiferten sich alle, Lehrer

Wettstein zu erzählen, was vorgefallen war. «Das war Margarethes Rabe», frohlockte Lucia,

«Er hat sie gerettet, oh wie romantisch!» Alle Augen drehten sich nach Lucia um und sie

errötete vor so viel Aufmerksamkeit. Margarethe stand nur stumm da und schielte zu Plonk.

Ihr dämmerte es langsam, wie viel Plonk von ihrem Leben mitbekam. Ein Schauder der

Erkenntnis erfasste sie, und die Mauer des Schweigens zwischen Mensch und Tier brach vor

ihrem geistigen Auge zusammen.

Carole Enz, Michèle Combaz Thyssen

Rabenherz

ISBN 978-3-907860-00-7, 320 Seiten

www.sistabooks.ch

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