«Ein Archäopteryx, ein Urvogel!» staunte Ida und war hin und weg. Hom kam summend zu
ihr hin und meinte: «Ja, so etwas ähnliches wie ein Archäopteryx. Komm jetzt, wir wollen
dich mehr lehren als nur eine interaktive Paläontologie-Vorlesung bieten. Hier in der Nähe ist
ein grosser Baumfarn. Versuche, in seinen Körper zu dringen und ein Baum zu sein. Das ist
die erste Übung. Später wirst du dich in Tiere hineinversetzen, das ist für
Fortgeschrittene.» Ida schwenkte ab und näherte sich dem grossen Baumfarn, der sich im
Winde wog. Hom und Hok durchströmten sie mit Energie, dann liessen sie Ida frei. Sie
konzentrierte sich auf den Baum, verschmolz mit ihm, und dehnte ihre Seele bis ins letzte
Blatt und in die äusserste Wurzel des Gewächses aus. Sie spürte, wie der Lebenssaft des
Baumes durch sie hindurch floss. Es war ein kontinuierlicher, wohltuender Strom von der
Wurzel bis zum Blatt und zurück. Im Blatt fühlte sie, wie durch die Einwirkung des Lichts
Reaktionen abliefen, auf die sie sich stark konzentrieren musste, damit sie nicht abbrachen. Es
war Arbeit, Schwerstarbeit, Kohlendioxid und Wasser mit Lichtenergie in Sauerstoff und
Traubenzucker zu verwandeln. Doch der Traubenzucker war ihre Nahrung, die sie jetzt
dringend brauchte, um als Baum weiterzuleben. Sie produzierte somit ihre eigene Nahrung
selbst. Ida kam aus dem Staunen nicht heraus. Natürlich kannte sie die Photosynthese und
wusste, was passierte. Doch jetzt fühlte sie, was eine Pflanze empfand. Ida sah ihre
Umgebung nicht, denn Pflanzen haben keine Augen, sie hörte auch nichts, denn Pflanzen
haben keine Ohren, aber sie spürte einen starken, überwältigenden Lebenswillen von der
Wurzelspitze bis zur Krone. Energieströme wanderte den Stamm hinauf und hinunter. Es war
das von den Wurzeln aufgenommene Wasser mit den Mineralsalzen, und der hinunter
wandernde Traubenzucker, der die Wurzeln mit Energie versorgte, damit sie wachsen
konnten. Ida vergass beinahe, dass ihr richtiger Körper zuhause lag und schlief. Erst die
Aufforderung von Hom und Hok, die Übung an dieser Stelle abzubrechen, konnte sie dazu
bewegen, den Baumkörper zu verlassen. Nur widerwillig zog sie sich aus den Blättern und
Wurzeln zurück und strömte aus dem Stamm hervor. «Wieso haben wir keinen Baum auf der
Erde ausgesucht?» fragte Ida erstaunt. «Weil Holzfäller eine Gefahr sind. Wir wollten
möglichst alle Gefahren ausschliessen. Den Tod in einem fremden Körper zu erfahren
bedeutet nämlich auch den Tod der Seele. Sie wird unwiederbringlich zerstört», warnte Hom,
und Hok fügte hinzu: «Ohne Hilfe in einem fremden Körper zu wandeln ist die höchste Form
der Seelenwanderung und nur Meistern gefahrlos möglich. Es ist zudem der zweite Teil der
grossen Prüfung, die dir, würdige Menschenseele, bevorsteht.» Und beide Meister
durchströmten Ida mit starker Energie.